Jenseits des Atlantiks

Michael Tanner | 13 Dezember 2015
Leadimage zum Post Jenseits des Atlantiks

Nach etwas mehr als drei Wochen auf See erreichen wir Barbados

Vor drei Wochen haben wir hinter Las Palmas die Segel auf Schmetterling gestellt und den Atlantik überquert. Es gab keine Zahnschmerzen, kein Sturm, keine groben Pannen; dafür viele Gespräche, viele Tiersichtungen und hunderte ruhige oder beschallte Stunden auf Vordeck oder im Cockpit. Das Team hat gut zusammen gearbeitet und der Skipper, Werner, hat sich voll ins Zeug gelegt, so dass wir sicher und gesund auf Barbados angekommen sind.

Heute Morgen ist es also soweit; es heisst: “Land ist in Sicht!!!”

Werner hisst die Landesflagge von Barbados und dazu eine gelbe Flagge. Wir werden später noch froh sein, dass er die gelbe Flagge auch montiert hat. Sie zeigt an, dass das Schiff noch nicht einklariert, also noch nicht bei den hiesigen Beamten angemeldet ist. Später werden die Hafenbehörden gleich zu dritt, mit Feldstecher ausgerüstet, kontrollieren, ob die gelbe Flagge tatsächlich am Mast weht…

Der Anker wird vor Port St. Charles ins türkisblaue Nass geworfen und Werner fährt mit dem gelben Dinghi zum Grenzkontrollposten. Derweil nehmen Henning, Christoph, Olaf und ich unser erstes Bad in der Karibik. Das Wasser ist so warm, wie ich es mir vorgestellt habe, es hat nur wenige Wolken am Himmel und wir klettern anschliessend mit von der Sonneneinstrahlung rotem Kopf wieder an Bord. Nun fährt die Crew ebenfalls an Land und nach einer kurzen Gesichtskontrolle am Zoll schlendern wir der Hauptstrasse entlang zum nächsten Dorf: Speightsburg.

Im Normalfall gilt auf Barbados Linksverkehr. Als eine Henne mit ihren Kücken die Strasse überquert wird eine Ausnahme gemacht.

Es ist Sonntag. Es wird Fussball gespielt.

Wir stellen fest, dass hier, wie auf der Strasse oder in den Läden Freundlichkeit gelebt wird. Überall werden wir gegrüsst und hier oder dort ergibt sich ein kurzer Schwatz mit offen und zufrieden wirkenden Menschen. Im Restaurant “Chefette” sind wir die einzigen Menschen mit heller (oder heute eher roter) Haut.

Nach dem Essen werden wir Zeugen einer unangekündigten Motorrad-Akrobatikshow. Die Vorführung dauert etwa zehn Minuten - auf dem Hinterrad hin und her und hin und her, wieder und wieder. Einmal freihändig, einmal auf dem Töffsattel stehend (und immer noch auf dem Hinterrad…) fahren zwei Stuntmen auf der Hauptstrasse vor staunend offenen Mündern durch und knattern dann zusammen mit einem Dutzend Kollegen und ein paar Kolleginnen davon.

Auf dem Rückweg entscheiden sich Henning, Christoph und ich dem Strand entlang zu zurück zum Hafen zu gehen.

Unterwegs sichten wir unsere tapfere Baharii, wie sie nach Sonnenuntergang auf uns wartet.

Einige Menschen sind etwas vorsichtiger als wir und baden nicht bei praller Sonne, sondern nach deren Untergang. Im Schein meiner Handy-Taschenlampe finden wir den (Um-)Weg zur Anlegestelle des Dinghis beim Restaurant “Yachtclub” um zur Baharii über zu setzen.

Nach diesem ereignisreichen Tag mit so vielen Sinneseindrücken weiss ich fast nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Dreiundzwanzig Tage lang haben wir vor allem viel Wasser und Himmel gesehen. Nun befinden wir uns hier mitten in einer vielfarbigen Landschaft und Massen schöner Menschen. Ich freue mich über meine gute Gesundheit, wünsche allen eine ebensolche und begebe mich in Richtung meines Kopfkissens, das auf der Leeseite der Insel bedeutend weniger schaukelt als auf dem Atlantik. Mein Herz ist erfüllt mit Dankbarkeit. Gute Nacht.


Über den Autor

Kommentare

Auf sinndrin.ch suchen

StartPage


Die Suche öffnet in einem neuen Fenster. Powered by startpage.com, der diskretesten Suchmaschine der Welt.

×