Delfine am Bug

Michael Tanner | 3 November 2015
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Ich habe den Eindruck, der Kunststoff, aus dem das Schiff besteht, müsste gleich bersten und auseinanderbrechen (in zwei halbe Schiffe), derart knarrt und knackst es bei dem seitlichen Schaukeln und aufprallen im Wellental. Zwar riecht es in der hinteren Koje nach Diesel, das drehen der Schraube des Schiffsmotor in der Strömung surrt und der Elektromotor zum Ruder des Autopiloten gurrt, dafür knallt es nicht so laut, wie in den vorderen Kojen, wenn der Bug eines Rumpfes nach einer Welle aufs Wasser prallt.

Meine Wache dauert heute von halb eins bis zwei Uhr in der früh. Der Wind ist mit Böen bis zu 35 Knoten steif bis stürmisch. Auf der Beaufort Skala ausgedrückt: sieben bis acht. Die Segel sind gerefft, das verkleinert Segelfläche und Geschwindigkeit und schont das Boot. Wir fahren mit sechs bis sieben Knoten in Richtung 210 Grad auf dem Kompass oder Südwest zu Süd.

Tagsüber kann ich meine Übelkeit im Zaum halten, indem ich die meiste Zeit in der Koje verbringe. Aber NICHT die GANZE Zeit: Kurz vor Mittag haben sechs Delfine unser Boot entdeckt und amüsieren sich damit, eine Weile mit uns seitlich am Bug mitzuschwimmen. Es ist kaum fassbar, wieviel Lebensfreude diese Tiere ausstrahlen. Als ich siebzehn war, habe ich an der Pazifikküste Mexikos zum ersten Mal Delfine gesehen. Es war eine Phase, in der ich viel über einen möglichen Sinn des Lebens nachgedacht habe. Im Moment, wo ich die Delfine gesehen habe, war diese Frage für mich quasi geklärt. Das Leben an sich sehe ich als den Sinndrin. Also unternehme ich im Leben sehr gerne Dinge, welche lebensfördernd wirken. Das stelle ich nicht gleich mit “Vermehrung”, auch wenn ich es nicht ausschliesse. Lebensförderung heisst, versuchen die Zerstörung in Grenzen zu halten und Lebendiges als wertvoll zu behandeln. Die Lebendigkeit der Delfine springt auf mich über. Es geht mir wieder gut.

Um auf die Probe zu stellen, wie es mit meinem Magen steht, geht oder dreht, wage ich es, am Abend den Film “Django” anzuschauen. Er ist keine Ode auf die Gewaltfreiheit und wäre dazu geeignet, Übelkeit zu verursachen. Letztere bleibt aus. Die See hat sich etwas beruhigt. Entsprechend gemütlich verläuft die Nachtwache - diesmal von 23 Uhr bis 0.30 Uhr:

Auf dem Radarbildschirm den Tanker “FRIO”. Er driftet vor der Küste Afrikas vor sich hin. Ich stelle Theorien auf, wieso er sich nicht mehr bewegt und überlege mir, ob ich Chrigi oder Dani informieren soll. Sie kennen sich aus mit “Schweinereien” welche auf dem Meer passieren. Eine meiner Theorien ist, dass der Tanker irgend eine Flüssigkeit verklappt, also im Meer versenkt. Weil ich von vielen Umweltverbrechen gehört habe, bin ich diesbezüglich aufmerksam. Ich möchte “FRIO” nichts unterstellen. Vielleicht hat er einfach nur einen Motorenschaden und Mechaniker_innen sind daran ihn zu reparieren. Oder vielleicht braucht er einfach einmal eine Pause und spart sich auf dem Wasser die Hafengebühren. Oder die Energiewende ist so weit fortgeschritten, dass es den Tanker nicht mehr braucht. Möglich ist vieles, wahrscheinlich ist einiges, vorstellbar ist alles.


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