Unterwegs nach Portugal

Michael Tanner | 21 Oktober 2015
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Wir frühstücken mit meiner Schwester und verabschieden uns von ihr, bevor sie ins Büro fährt. Nach dem Aufräumen und Packen, begleite ich S. zum Bahnhof. Ein letzter inniger Kuss, dann werden wir für Monate getrennt sein. Wir haben uns gestern überlegt, wie wir den Abschied etwas leichter gestalten könnten. Dabei haben wir festgestellt, dass es bei einem Abschied meist einfacher ist, zu gehen, als zu bleiben. Damit meine Freundin nicht alleine zurück bleibt, wenn ich abgefahren bin, machen wir es umgekehrt. Sie fährt jetzt und ich zwei Stunden später. Das macht die Situation etwas weniger schwer.

In der Bio-Coop (einer Genossenschaft für Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft) kaufe ich je einen Bund Rüebli und Bananen sowie ein Dinkelbrot. Butter und Käse habe ich ja schon im Diesbacher Dorflädeli bei Silvia und Heidi gekauft. Davon habe ich für zwei Tage genug.

Als ich das Tram nehmen will, stelle ich fest, dass keines fährt. Baustelle. So gehe ich zwei Stationen zu Fuss und finde ein Tram. Auf meinem Eurolines-Billett steht, ich müsse eine halbe Stunde vor Abfahrt einchecken. Das wird knapp. Erst um zwanzig vor zwölf bin ich auf dem Carparkplatz. Der Car fährt um zwölf - steht auf meinem Billett…

Um zehn vor zwölf ist von meinem Bus noch kein Dieselpartikel zu riechen. Ein Senegalese möchte mir einen Gurt oder einen Selfie-Stick verkaufen. Wir reden zusammen über die Globalisierung und über die Erde. Er hat in Senegal Wirtschaft studiert und ist dann nach Italien emigriert. Während der Wirtschaftskrise hat er seine Stelle verloren und ist ins Herkunftsland zurück gereist. Weil es dort nicht gut lief, ist er nach Frankreich gekommen und schlägt sich hier als Strassenhändler durch. Er möchte, dass ich ihm etwas abkaufe, damit er leben und seiner Familie etwas schicken kann. Weil ich nichts brauche, kaufe ich nichts, obwohl ein Teil von mir ihn gerne unterstütze hätte (lieber als einen McDonalds oder die Besitzer vom “Paul”). Ich wünsche ihm jedoch alles Gute und sende in Gedanken ganz viel Positives. Er bedankt sich, dass ich für ihn bete (ohne dass ich von meinem Gebet etwas so direkt erwähnt habe). Es gibt Menschen, die sind feinfühliger als andere.

Etwas unruhig stiefle ich auf dem Carparkplatz umher. Frage hier und dort, ob jemand etwas weiss, vom Eurolines Bus. Nirgends gibt es eine offizielle Stelle, die Bescheid weiss. Das Tonband der Eurolines-Hotline-Warteschleife droht mein Guthaben aufzufressen. Viel Geld habe ich nicht mehr auf meinem Natel. Nach 59 Sekunden hänge ich auf. Habt ihr auch schon mal so einen seltsamen Traum gehabt, wo man auf einen Bus oder Zug gewartet hat, der nicht kam? Genau so geht es mir in dieser Stunde. Bald finde ich einen Mann, der, wie ich, nach Portugal fahren wird. Er erklärt mir, dass er die Reise schon zum fünften Mal macht und dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Der Bus werde mit “Eurolines” oder “Alsa” angeschrieben sein und die Nummer “200” tragen. Das beruhigt mich. Für mich ist er in diesem Moment ein Engel. Eine junge Türkischlehrerin wartet mit uns. Sie will nach Madrid. Eine Stunde später sitzen wir im Car.

Nach nur 45 Minuten Fahrt halten wir an einer Autobahnraststätte. “Media Hora de Pause”. Im Restaurant setze ich mich zur Frau aus der Türkei. Sie versteht die Chauffeure nicht, weil sie ausschliesslich Spanisch reden. Ich stelle mich als Dolmetscher zur Verfügung. Ein schöner Sonnenuntergang wünscht uns gute Nacht. Im Bus sitze ich neben meinem “Engel”.

Um neun Uhr abends halten wir an einer Raststätte in Blois, zwischen Orléans und Tours. Von Dicle erfahre ich, dass ihr Name auf türkisch “Ziege” bedeutet. Ich erinnere mich dran, wie ich einmal eine Freundin so genannt habe. “Ziege” ist für mich kein Wort zur Beleidigung. Unsere Ziegen auf der Alp waren sehr interessante Wesen. Sehr unabhängig, eigenwillig und humorvoll: Wenn ich einmal eine wirklich schlechte Laune hatte (auch das gab es) und ich zu den Ziegen in den Stall ging, konnte ich meine miese Stimmung jeweils nicht lange aufrecht erhalten. Ihr sonnig- aufgestelltes Wesen hellten meine Gedanken unmittelbar auf. Nun aber zurück, zu Dicle. Ich lerne, dass es in der Türkei einen Fluss mit dem selben Namen gibt.

Bei der Weiterfahrt nach einer weiteren Pause wird bereits der zweite (mir nicht sehr zusagende) Action-Sci-Fi gezeigt. Diesmal gelingt mir das Wegschauen besser. Die Haarsträubende Schlussszene vom Film davor hängt mir noch immer nach. Zum Glück habe ich Musik und das Buch von M. Scott Peck dabei. Im Kapitel zum Thema Unternehmen und Konkurrenz lese ich, wie viel besser Unternehmen funktionieren könnten, wenn sie sich vor ihren Verhandlungen - und nicht nur dann - um Gemeinschaftsbildung kümmern würden. Peck meint, damit könnte viel Leid verhindert werden. Er hat meine Zustimmung.

Es ist vier Minuten vor Mitternacht. Der Film spielt soeben den Abspann. Zeit, mein Schreibgerät zu verräumen, Licht zu löschen und zu schlafen.


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