Andächtiger Aufbruch in Zürich - Carfahrt nach Strassburg

Michael Tanner | 19 Oktober 2015
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Wie immer, wenn ich auf Reisen bin, so rechne ich auch heute morgen eine gute Viertelstunde Reservezeit ein. Ich will noch schnell mein Geld in einer kleinen Tasche nahe an meinen Körper anlegen. Wenn ich es finden würde… Das Geld ist nicht mehr da. Das macht mich ziemlich nervös. Hatte ich doch gestern das Gepäck in einem Raum des Pflegeheimes unbeaufsichtigt stehen lassen. Das darf doch nicht wahr sein. Meine Euros sind nicht auffindbar, egal wie und wo ich suche. Zur Sicherheit schaue ich dann doch noch in das “Versteck” wo die Dollars gelegen hatten. Wunderbar, dass ich mein Geld hier finde!

An der Tramhaltestelle bemerke ich, dass ich zu wenig Schweizer Münz fürs Billett habe. Eine wartende Frau hilft mit fünf Franken. Sie besteht darauf, dass sie mir das schenken darf obwohl ich sie gerne mit Euros entschädigt hätte.

Denn geduldig warten einige Freunde im Entrée zum Andachts-Raum, im Kirchgemeindehaus Hottingen. Th. und seine Partnerin sind unterwegs und machen einen Zwischenhalt, mich zu verabschieden. Also Th.: Sorry für die Verspätung. Es hat mich sehr gefreut, euch noch zu sehen. A. erklärt, wie eine Quäker-Andacht funktioniert: Wir kommen in Stille zusammen. Wenn jemand merkt, dass sie/er etwas äussern möchte, dann prüft die Person, ob es etwas lebensfeundliches sein könnte und ob es für die anderen Anwesenden auch von positivem Interesse sein könnte. Meist sind das eher Worte als Klänge. Klänge sind nicht grundsätzlich ausgeschlossen, bei Quakern jedoch, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht sehr verbreitet. So entstehen im Laufe der 45 Minuten zwei Lieder sowie Gedanken zu den Themen Abschied, loslassen, Segen und Hilfe von überirdischen Kräften. Und es hat viel Platz für Stille. Eine Stille in der ich viel Kraft und Energie fühle. A. macht darauf aufmerksam, dass die Stille, ähnlich wie eine Flaute auf dem Wasser, dazu genutzt werden kann, Dinge wieder in Ordnung zu bringen, sich Zeit zu nehmen, zu Kräften kommen.

Pünktlich um 14 Uhr erreichen wir den Carparkplatz am Silquai beim Zürcher HB. F. bringt die besten Wünsche von U. mit und schenkt mir ein Bild von Bruno Grohning, der schon vielen Menschen in schwierigen Situationen geholfen hat.

Plötzlich steht ein Unbekannter in modernem Trainingsanzug nahe an mich ran. Ich weiche ein wenig zurück und erinnere mich an die “Nähe-Distanz-Übung”, die wir jeweils im Gewaltfrei-Training machen und denke an meinen “Raum” welche Nähe mir wohl ist, mit “Unbekannten”. Wie zutraulich oder misstrauisch soll ich sein, auf meiner Reise? Da nennt er meinen Namen. Staunend schaue ich ihn an. Ich habe E. seit mehr als dreissig Jahren nicht gesehen. Als er seinen Namen nennt, erkenne ich ihn endlich und wir umarmen uns herzlich. Er hat (im Gegensatz zu mir) schon viel Segelerfahrung und so haben wir einander sehr viel zu erzählen.

Nachdem ich mich von meinem Vater verabschiedet habe und wir immer noch beim Thema Segeln sind, stösst M. zu uns. Genau, es handelt sich um jenen M., der mittels Pyrolyse Kohlenstoff (CO2) der Luft entzieht und damit einen sehr guten Dünger produziert und dem Klima “hilft”. Wir werden in Zukunft viel von dieser Technologie hören. (Und wer mich gut kennt, weiss, dass ich M.s Jolle diesen Sommer beinahe im Bielersee versenkt hätte. Aber das ist eine andere Geschichte…).

Letzte “Abrazos” und los gehts. Unser “Flixbus” ist gut ausgestattet. Bequeme Sitze, funktionierendes W-Lan mit Filmen, Musikauswahl und Internet zur freien Verfügung. Der Car trifft in Strassburg zehn Minuten früher ein als geplant. Meine Schwester erwartet uns. Freudig begrüssen wir einander. Wir haben uns seit mehr als einem halben Jahr nicht gesehen. Eine lange Zeit. Sie entwertet drei Trambillette und wir fahren gemeinsam zu ihrer Wohnung, wo wir zwei Tage zu Gast sein dürfen.


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